Angedacht

Als ich den Monatsspruch zum ersten Mal las, war das erste Bild, das vor meinem inneren Auge erschien, das Bild eines Bettlers, der am Straßenrand sitzt und stumm einen Pappbecher vor sich hält.
Bettelnden Menschen aus Mitleid etwas geben – dazu gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen: In manchen Urlaubsländern wird vom einheimischen Reiseleiter nahe gelegt, bettelnden Kindern nichts zu geben, da diese sonst lieber an den Touristenorten betteln gehen, als die Schule zu besuchen. Dann ist da die Auffassung, dass bei uns niemand betteln muss, da es ja die staatlichen Unterstützungsangebote gibt. In der Zeitung liest man von Kindern, die extra von ihren Eltern zum Betteln geschickt werden, ganz gewerbsmäßig. Deshalb wurde im März
2018 in Dresden ein Bettelverbot für Kinder beschlossen. Seitdem sieht man keine bettelnden Kinder mehr in Dresden.
Mit diesem gedanklichen Hintergrund bin ich sehr oft einfach an Bettlern vorbei gelaufen.
Bis ein Erlebnis dies vor fast 20 Jahren änderte. Ich war in Dresden und beeilte mich zum Bus nach Reichenberg zu kommen, als mich ein älterer Mann in ärmlicher Kleidung auf der Straße ansprach und um Geld bat. Ich lief schnell an ihm vorbei, denn ich wollte so schnell es geht an der Bushaltestelle ankommen um den Bus nach Reichenberg nicht zu verpassen. Der Grund, dass ich den Bus nach Reichenberg nicht verpassen wollte war, es war der 11. November – Martinstag. Ich wollte rechtzeitig mit meinen Kindern zur Martinsandacht in der Reichenberger Kirche sein. Dort hörte ich dann die Geschichte von Martin, der mit dem Bettler seinen Mantel teilt. Ich glaube, ich brauche jetzt nicht zu beschreiben, was da in meinem Kopf vorging. Seitdem gebe ich ziemlich oft Bettlern etwas. Und ich habe dabei viele bewegende
Momente erlebt, vom stillen dankbaren Blick, über ein leises „Gott segne Sie“ bis hin zu einem längeren Gespräch und sogar einem Tanz mitten auf der Straße.
Übrigens habe ich einen guten Bekannten, der immer wenn er auf bettelnde Menschen trifft, und dies geschieht öfters in der Innenstadt Dresdens, etwas gibt. Manchmal sind es nur wenige Cent, denn er lebt von HartzIV und weiß oft selbst nicht, wie er alle seine Rechnungen bezahlen soll. Er geht nie vorbei ohne Bettlern etwas in die entgegengestreckte Hand zu legen.
Manchmal ist es aber nicht die sichtbar ausgestreckte Hand, sondern eine Not, die nicht so klar erkennbar ist. Und deshalb ist es gut, mit offenen Augen und Herzen unterwegs zu sein, um zu sehen, wo ein Mensch etwas braucht – manchmal nur ganz wenig: ein Ohr das zuhört, eine Umarmung, ein gutes Wort …

Herzliche Grüße, Ihre Kirsten Meier